Über die Ausstellung

Bojana Pejic
Leitende Kuratorin

Das Projekt
Im Herbst 1999 waren zehn Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen. Zur Würdigung dieses bedeutenden Ereignisses hatte David Elliott, Direktor des Moderna Museet in Stockholm, 1997 das Projekt After the Wall initiiert. Ziel dieses Projekts war eine Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Kunst und der visuellen Medien in 22 postkommunistischen Ländern und die Erhellung ihrer gegenwärtigen Situation im Zeichen des kulturellen Wandels. Das Projekt bestand aus einem Forschungsprogramm, einer Ausstellung, einem umfangreichen zweibändigen Buchkatalog auf Englisch und einem Symposium mit Filmprogramm im Oktober 1999 im Moderna Museet.

Geopolik
After the Wall präsentiert die visuelle Kunst einer geographischen Region, die vormals von der kommunistischen Ideologie "zusammengehalten" wurde. Nach 1989 wurde die Mehrzahl der 22 postkommunistischen Länder entweder zum ersten Mal unabhängig oder gewann die Unabhängigkeit wieder, die sie mit der Gründung der Sowjetunion verloren hatte. Es handelt sich meist um kleine Länder, die im Laufe der Geschichte ein sehr ähnliches politisches Schicksal gehabt haben. In Lettland sagen die Leute: "Wir waren niemals besetzt. Wir wurden immer befreit!" Nach dem Ende des Kalten Krieges brachen in den posttotalitären Landschaften (ehemaliges Jugoslawien, Tschetschenien, Kaukasus) zahlreiche Kriege aus. Während der Vorbereitung der Ausstellung wurden drei Länder, die früher den "realen Sozialismus" praktizierten, Mitglieder oder NAT0 (Polen, Tschechische Republik, Ungarn).

Forschung
In der Vorbereitungsphase, die etwa 18 Monate dauerte, bereisten die Kuratoren alle 22 Länder, nahmen Kontakt mit etwa dreihundert Künstlern auf und zogen Kunstkritiker zu Rate, die die lokale Kunstszene kannten. Auf diese Weise sammelten sie eine eindrucksvolle Dokumentation der zeitgenössischen Kunst dieser Region. Die größte Unterstützung in der Forschungsphase fanden wir bei den Soros Centers of Contemporary Art (SCCA), die nach dem Niedergang des Sozialismus/Kommunismus in 20 Ländern gegründet worden waren.

Die Ausstellung
After the Wall versucht nicht, der Idee eines "anderen Europa" zu neuer Geltung zu verhelfen, die während des Kalten Krieges sowohl bei westlichen als auch bei östlichen Intellektuellen verbreitet war. Die Ausstellung konzentriert sich auf die individuellen künstlerischen Haltungen und berührt den nationalen und kulturellen Kontext, das Arbeits- und Lebensumfeld der Künstler, nur indirekt. Sie betont die Unterschiede zwischen ihren individuellen Positionen und deutet gemeinsame Züge an.

Die Künstler
Die Ausstellung präsentiert Werke von mehr als 140 Künstlern. Es handelt sich um Maler, Bildhauer, Installationskünstler, Fotografen, Performer und Videokünstler, die nach 1990 bekannt wurden. Es lag jedoch nicht in der Absicht der Kuratoren, eine Generationenkluft zu schaffen; deshalb wurden auch einige ältere Künstler einbezogen, die in den letzten zehn Jahren entweder lokal oder international aktiv waren. (Der älteste Künstler ist 1937 geboren, die jüngste Künstlerin 1975.) Die Tatsache, daß sie alle in Osteuropa geboren sind oder noch dort leben, veranlaßte einen Berliner Kunstkritiker angesichts der Zahl der Teilnehmer zu der Bemerkung: "After the Wall ist so etwas wie die Documenta des Ostens, oder?"

Die Kunst
Die neue Generation, im Zeitalter einer nicht endenwollenden "Übergangsperiode" herangereift, zeigt wenig Interesse an der Ästhetik der Perestroika-Generation, die vom Verschwinden des totalitären "Bühnenapparats" fasziniert war. Die "Neuen", heute in ihren Dreißigern, nehmen Bezug auf die Gegenwart. Ihre Kunst weist sich durch einen "rosigen Pessimismus" und zynische Betrachtungsweisen aus (wie üblich in den 1 990ern), aber auch durch einen gewissen romantischen Geist. Ungeachtet ihres Alters haben alle Künstler in After the Wall eines gemeinsam: Sie teilen die Idee des Kunstwerks als eines fragmentierten Ganzen. Dieser Haltung ist es zuzuschreiben, daß die meisten Arbeiten als Serien oder als Rauminstallationen begriffen werden.

Instabile Bilder
Der Begriff "Übergangsperiode" meint im allgemeinen den Wechsel von der staatlich gelenkten Ökonomie hin zur Privatwirtschaft, den Kunstmarkt eingeschlossen. Dieses "neue" System ist auch als Lumpenkapitalismus bekannt. Für die junge Generation sind die "Revolutionen von 1989" aber sichtlich weniger bedeutsam als die elektronische Revolution und die "unscharfe Logik des Kommunikations-Kapitalismus" (G. Lovink). Anders als in den 80er Jahren, die von der Stofflichkeit (und der Malerei) beherrscht waren, basiert ein Großteil der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten der 90er auf instabilen Bildern: Bildern, die von der Elektronik oder von künstlichen Lichtquellen abhängen (Videos, Dias, Computergrafik).

Die Themen
After the Wall gliedert sich in vier große Themenbereiche, die der Ausstellung im Moderna Museet ihre Struktur gaben. Diese Themen wurden nicht a priori vor der Forschungsarbeit festgelegt. Sie wurden im März 1999 formuliert, nachdem die Künstler und ihre Arbeiten ausgewählt worden waren.

Soziale Plastik
Installationen oder Fotoserien, die sich kritisch mit Wirtschaft, Religion, Rassen, Nationalismus, neuer Bourgeoisie und neuer Armut, Konsum und dem Einfluß der Massenmedien auseinandersetzen.

Bewältigung ("Neu-Erfindung") der Vergangenheit
Arbeiten mit Bezug auf die totalitären Entwürfe, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust oder die kommunistische Vergangenheit.

Hinterfragung der Subjektivität
Kunstwerke, in denen die Künstler (häufig unter Verwendung von Selbstporträts) ihre soziale Rolle reflektieren oder den modernistischen Begriff des "egomanischen Diskurses" in Frage stellen.

Geschlechterhorizont
Arbeiten, die sich mit den Geschlechterrollen (Weiblichkeit und Männlichkeit), Fragen des Körpers, der Sexualität und der Sterblichkeit beschäftigen.

Die Wahrheit
After the Wall ist keine Zurschaustellung einer "exotischen Kunst", keine Art östlicher "Wunderkammer" der 90er Jahre. Diese Ausstellung sagt nicht die "Wahrheit" über die Kunst in der postkommunistischen Welt. Jeder derartige Anspruch würde eine totalisierende Sichtweise implizieren. Diese Ausstellung wurde von drei Kuratoren konzipiert. Sie kann nur einen fragmentarischen Einblick in die Kunst und Kultur Osteuropas nach dem Mauerfall geben.

Berlin, September 2000, Bojana Pejic Leitende Kuratorin 11

Ansicht Ausstellung Ansicht Ausstellung
Max Liebermann Haus,
COMA, 1997,
Dalibor Martinis, Kroatien


Ansicht Ausstellung Ansicht Ausstellung
Max Liebermann Haus,
FROM SIBERIA TO CYBERIA
(PartII), 1999,
Zofia Kulik, Poland


Über die Ausstellung

Eugen Blume

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