Mittwoch, 2. Juni 2010 um 19.30 Uhr
Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Was ist Bildung?"
Die Intelligenz der Ausgeschlossenen
mit Prof. Dr. Heinz Bude
Es gibt offenbar ein bestimmtes Klientel von Jugendlichen an den Haupt- und Sonderschulen in Deutschland, an dem sich die Lehrerinnen und Lehrer die Zähne ausbeißen. Sie richten nach Angaben ihrer pädagogischen Ansprechpersonen alle Energie darauf, die ihnen gemachten Angebote zu unterlaufen. Man vereitelt nach vorn mit allen Mitteln, was gefordert ist, und beweist sich nach hinten als Virtuose im Austricksen des Systems. Hauptsache, es gibt was zu lachen. Die Bedingungen, die man aushebelt, die man aber gleichwohl nicht übersehen kann, geben Anlass zum Lachen. Was für eine Leistung steckt in diesem Verhalten, was für eine Botschaft in der Weigerung? Der Vortrag beschäftigt sich mit der Intelligenz des Ausweichens. Die Jugendlichen sind alles andere als blind, sie schätzen ihre Situation nur ganz anders ein als diejenigen, die für sie zuständig sind. Aber was soll das ganze Abhängen, Blödeln, Quatschen in der Schule? Der Vortrag beschäftigt sich mit diesem eigentümlichen Spaß und Widerstand. Was für eine Intelligenz ist darin verborgen, wer spricht hier was zu wem?
Prof. Dr. Heinz Bude, geb.1954, Studium der Soziologie, Philosophie und Psychologie, Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, zugleich Leiter des Bereichs „die Gesellschaft der Bundesrepublik“ am Hamburger Institut für Sozialforschung. Wichtigste Veröffentlichung zum Thema: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München 2008.
Montag, 26. April um 19.30 Uhr
Torgespräch im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Was ist Bildung?"
Bildung und kulturelle Identität
Vortrag von Prof. Dr. Peter Bieri
Kultur ist die symbolische, sinnstiftende Auseinandersetzung mit der Welt, den andern Menschen und uns selbst. Bildung ist die Kenntnis, das Verstehen und die reflektierte Aneignung von Elementen der Kultur. Dazu gehört, dass wir sie benutzen lernen, sie als Elemente eines Ganzen verstehen und uns bewusst für sie entscheiden. Der Vortrag beschreibt die gedanklichen und emotionalen Schritte, die zu einer solchen Aneignung gehören, und diese Schritte werden als Schritte in der Ausbildung einer persönlichen Identität interpretiert.
Prof. Dr. Peter Bieri , geb. 1944, Studium der Philosophie und klassischen Philologie, Professor für Philosophie in Heidelberg, Bielefeld, Marburg und Berlin. Unter dem Namen Pascal Mercier Autor mehrerer Romane, darunter Nachtzug nach Lissabon und Lea.
11. März 2010 um 19.30 Uhr
Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Was ist Bildung?
Was ist Bildung? Zwischen Bildungspathos und Erziehungswirklichkeit
mit Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth
Einführung und Moderation
Sybille Volkholz
Beirat Bildung und Erziehung Stiftung Brandenburger Tor
Die Rede über Bildung in Deutschland polarisiert. Sie stiftet Traditionen, schmiedet Koalitionen, allerdings nicht im Konsens und auch nicht für einen anerkannten Fundus an Themen. Bildung bezeichnet die hohe Kultur und das klassische Erbe, den Habitus des Demokraten und die kulturellen Basiskompetenzen – aber der Begriff gilt auch als „semantisches Gefängnis“ deutscher Debatten. Eine richtige Antwort auf die Frage „Was ist Bildung“ gibt es nicht, aber man muss dringend darüber diskutieren, welchem Problem die Priorität gebührt, wenn wir heute über Bildung reden. Ein Plädoyer für kulturelle Basiskompetenzen und ein realistischer Blick auf das Aufwachsen in unseren Gesellschaften hat dann stärkeres Gewicht als die immer neue Bekräftigung alter Pathosformeln.
Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, geb. 1944 in Essen, 1965 Abitur, Studium der Germanistik, Geschichte, Sozialkunde, Philosophie und Pädagogik, 1970 Wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen in den Fächern Geschichte, Germanistik und Sozialkunde, 1975 Promotion in Pädagogik, seit 1991 Professur für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte pädagogischen Wissens.

